Landwirte erwarten von Regierungen vorherige „Folgenabschätzung“ für ihren Berufsstand

Mitglieder des landwirtschaftlichen Zweigvereins Holtriemer Land
Foto: Ralf Klöker, Pressestelle Landkreis Wittmund

Eine sorgsam gebundene große Erntekrone verströmt seit vorgestern (28.9.21) im Wittmunder Kreishaus am Markt den markanten Duft geernteten Getreides im Haupt-Treppenhaus. Dort baumelt sie an einer massiven Kette in ca. zwei Metern Höhe. Diesmal haben die Aktiven des Landwirtschaftlichen Zweigvereins Holtriemer Land nach Feierabend alles gegeben und die Krone in Handarbeit gefertigt – eine gute Tradition: Besucher des Kreishauses und auch Mitarbeiter werden in den nächsten Wochen darauf gestoßen, dass die Landwirtschaft als Wirtschaftszweig unverzichtbar zum Landkreis Wittmund dazu gehört. Beim internen Austausch in der Wittmunder „Residenz“ begrüßte Kreislandvolk-Vorsitzender Günter Lüken Landrat Holger Heymann, den Ersten Kreisrat Uwe Cassens und weitere Mitarbeiter in der Landwirte-Runde. Mit dem Landvolkvorstand sowie Vertretern der Zweigvereine des LHV Wittmund und des Kreislandfrauen-Vorstands wurden aktuelle Themen beleuchtet.

Lüken lobte das bewährte Miteinander von Landwirten und Kreisverwaltung. Ein Abriss wichtiger aktueller Themen folgte, dann forderte er – vor allem an Bundes- und Landespolitik gerichtet – im Gesetz- und Verordnungsgebungsprozess zur „vorherigen Folgenabschätzung“ auf, bevor man den Landwirten mehr Regeln aufbürde. Während die wirtschaftliche Situation des Ackerbaus im Landkreis noch auskömmlich sei, liefen den Milchviehhaltern bei den derzeitigen Milchpreisen dennoch die Kosten weg. Lükens Diagnose: „Kein Auskommen mit dem Einkommen“. Im Dilemma schließlich befänden sich aufgrund verschiedener Marktfaktoren besonders die Sauenhalter und Ferkelerzeuger, neben der desaströsen Marktlage seien überbürdende Auflagen kaum umsetzbar. Lüken: „Wir werden Betriebe verlieren.“ Die Märkte seien nicht verlässlich.

Nachdenklich stimmte die Anwesenden eine sehr persönliche Schilderung einer Radtour über Land von Elke Eilts aus dem Vorstandsteam der Kreislandfrauen. Könne sie in diesen Zeiten ihrem Sohn noch zur Hofnachfolge raten, fragte sie in die Runde und forderte faire Rahmenbedingungen für die Bauern ein. Landrat Holger Heymann lobte ihre eindrücklichen Worte. Seine Tür stehe für die Bauern immer offen, auch wenn es kaum Hebel auf Kreisebene gebe, entscheidend etwas zu ändern. Er freue sich auf den Diskurs mit dem neuen Kreistagsmitglied Detlef Grüßing (Bentstreek), der künftig in der Kreispolitik die Interessen der Bauern vertreten werde. Grüßing ist Vize-Vorsitzender des Wittmunder Kreislandvolks und auch Ortspolitiker. Bei der laufenden Fortschreibung des Regionalen Raumordnungsprogramms für den Landkreis wolle man die Landwirtschaft mitnehmen, so Heymann. Derzeit gehe es, ein aufwändiger Prozess, um die Aufstellung des Landschaftsrahmenplans.

Als gutes Beispiel für ein Miteinander auf höherer Ebene sei der in Hannover ausgehandelten „Niedersächsischen Weg“, so der aus dem Landkreis stammende LHV-Präsident Manfred Tannen. Der müsse jetzt über konkrete Landesverordnungen umgesetzt werden, so Tannen. Die Bauern müssten auskömmliche Preise für ihre Produkte bekommen, wenn die deutsche Gesellschaft die Ansprüche an gesunde, regional und fair produzierte Lebensmittel immer höherschraube und so Standards setze, die den internationalen Wettbewerb verzerrten, ja anheizten.

Weitgreifende Ausführungen gab es von Johannes Veith (Untere Wasserbehörde) zur Entwicklung der gesetzlichen Umweltschutzauflagen für Landwirte (u.a. in Wasserschutzgebieten). Dr. Norbert Heising, der im nächsten Jahr seinen Geschäftsführerposten beim Zweckverband Veterinäramt JadeWeser aufgibt, gab einen amüsanten Rückblick auf zwei Jahrzehnte Erlebnisse und Zusammenarbeit mit hiesigen Landwirten. Die massive Zunahme der Bürokratie skizzierte er dabei. Er wünsche sich die Beibehaltung der Weidehaltung des Milchviehs in Ostfriesland, so der Wittmunder. Außerdem riet er zur Vorsorge der Betriebe bei möglichen Blackouts (Ausbau der Notstromversorgung) und bei möglichen Deichbruch-Szenarien im Katastrophenschutz, für die man sich wappnen könne. Applaus gab es für ihn, aber auch für Finn Ahrens (Untere Naturschutzbehörde), der im Detail auf die Umsetzung des „Niedersächsischen Wegs“ im Landkreis einging, für die er einen weiteren Mitarbeiter einplant. Zudem wurde beantragt, ergänzend zur bestehenden Ökologischen NABU-Station Ostfriesland (ÖNSOF) eine weitere ökologische Station in Wittmund für das Management der FFH-Gebiete in den Landkreisen Wittmund, Friesland, Wesermarsch und der Stadt Wilhelmshaven zu errichten.  Hier warte der Landkreis auf den Zuschlag, um die Kooperationsarbeit mit Landwirtschaft und Naturschutz weiter mit Leben zu erfüllen.

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