Volkstrauertag 2023

Der Ortsvorsteher Simon Lübben fordert in seiner Rede zum Volkstrauertag Zivilcourage von Jedermann ein.

In der gut besuchten Veranstaltung zum Volkstrauertag am Cliner Ehrenmahl waren alle wichtigen Vereine und Intuitionen von Clinsiel mit ihren Vertretern und Vertreterinnen anwesend.
Das zeigt wieder einmal Clinsiel hält zusammen.

Posaunenchor Berdum
Foto: G. Ziemann

Der  Posaunenchor Berdum hatte an dem Sonntag Großeinsatz. Der Einsatz in Carolinensiel war der dritte Auftritt innerhalb von zwei Stunden an diesem Vormittag.
Für die neue Vikarin war es der erste Einsatz in Clinsiel am Ehrenmahl.

Die Rede des Ortsvorstehers haben wir, für alle die nicht dabei sein konnten, im Nachfolgendem abgedruckt.

 

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

Im Laufe der Jahre wurde festgelegt, dass dieser Gedenktag zwei Wochen vor dem ersten Adventwochenende gehalten werden soll.
Deshalb finden wir uns auch in diesem Jahr hier wieder am Carolinensieler Ehrenmal ein, um an diesem stillen Tag den Kriegsopfern der Vergangenheit zu gedenken.
Aber nicht nur den Opfern der vergangenen Kriege mit seinen gefallenen Soldaten und allen Kriegstoten wollen wir heute gedenken, sondern auch den Toten der aktuellen Konfliktherde in der Welt. Mit dem völkerrechtswidrigen und durch nichts zu rechtfertigenden Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat der russische Präsident, 78 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die europäische Friedensordnung tief erschüttert und zerstört.

Foto: G. Ziemann

Vor 85 Jahren am Abend des 9. November 1938 überfallen Mitglieder der SA und der NSDAP im gesamten Deutschen Reich jüdische Einrichtungen und jüdischen Besitz. Sie setzen Synagogen in Brand, verwüsten Geschäfte, dringen in Wohnungen ein. Sie lynchen, vergewaltigen, töten jüdische Bürgerinnen und Bürger. Tausende Jüdinnen und Juden werden in den Folgetagen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Mit der Reichspogromnacht beginnt, was wir heute den Holocaust nennen: Die brutale, systematische Vernichtung von jüdischem Leben in Deutschland.
Außerhalb der Stadt Wittmund haben sich bereits spätestens um das Jahr 1736 Menschen mit jüdischem Glauben in den umliegenden Orten niedergelassen, so in Altfunnixsiel und Carolinensiel. Dies geht aus dem Generalgeleitbrief des letzten ostfriesischen Fürsten Carl Edzard hervor. Hieraus lässt sich belegen das Juden zu den ersten Bürgerinnen und Bürgern in Carolinensiel zählten. Einige Jahre später entwickelte sich daraus die jüdische Gemeinde Wittmund-Carolinensiel mit eigener Schule und Synagoge. Im Jahre 1923 lebten insgesamt 15 Familien im heutigen
Stadtgebiet, 5 Familien davon in Carolinensiel.
Im Zuge der Pogromnacht 1938 wurden die jüdischen Bürger der Stadt auf dem Marktplatz in Wittmund zusammengetrieben und für mehrere Stunden dort festgehalten. Später wurden sie im Stall der Gastwirtschaft Brauer am Marktplatz eingesperrt, bis sie zusammen mit Juden aus anderen Orten Ostfrieslands über Oldenburg nach Sachsenhausen, Theresienstadt und in andere Lager
abtransportiert wurden.

Auf dem jüdischen Friedhof an der Auricher Str. in Wittmund befindet sich eine Gedenkstätte für die ermordeten jüdischen Bürger Wittmunds. Auf 18 Grabsteinen, sind auf 48 Tafeln die Namen der ermordeten Juden aus Wittmund und Carolinensiel eingraviert.
Noch vor wenigen Wochen war für mich unvorstellbar, was wir heute erleben: Der größte Massenmord an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust, das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel. Dies Geschehen wurde in der deutschen Hauptstadt von Teilen der Bevölkerung als Freudenereignis gefeiert. Jedes Wochenende wird seitdem in deutschen Städten Israels Existenzrecht in Frage gestellt. Jüdinnen und Juden werden beschimpft, jüdische Wohnhäuser markiert, jüdische Einrichtungen bedroht.

Jan Peter Kuhn und Vikarin Anais Berghem
Foto: G. Ziemann

Wenn wir in diesen Novembertagen gemeinsam der jüdischen Opfer des Novembers 1938 gedenken, dann fordert dieses Gedenken Taten von uns.
Gemeinsam und einzeln sind wir in der Verantwortung, das sich „Nie wieder“ um unser aller Willen die Lebensader unseres freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens und dem damit verbundenen Recht eines jeden Menschen auf ein Leben in Freiheit und Sicherheit mit Händen und Füßen getreten wird.

Es braucht jeden von uns, denn der Antisemitismus ist zurück auf deutschen Straßen.

Wenn wir heute zurückblicken auf die Reichspogromnacht, dann müssen wir uns fragen: Was hat die nicht-jüdische deutsche Zivilbevölkerung getan in dieser Nacht, in den Folgetagen? Die Antwort ist bitter liebe Clinsielerinnen und Clinsieler: Manche beteiligten sich an den Ausschreitungen gegen ihre jüdischen Nachbarn.
Andere versammelten sich als Gaffer an den Tatorten. Kaum jemand zeigte Zivilcourage, wenige protestieren. Obwohl viele wohl entsetzt waren von der Gewalt.

„Nie wieder“ bedeutet: Dieses Schweigen darf sich nicht wiederholen. Wenn wir heute Zeuge werden von Antisemitismus, dann dürfen wir nicht zögern, dagegen aufzustehen, dagegen das Wort zu erheben. Gemeinsam und allein. Auf der Arbeit, in der Schule, im Internet, auf der Straße: Wir sind als Bürgerinnen und Bürger gefragt, einzutreten für jüdisches Leben in Deutschland. Und wir sind gefragt, Jüdinnen und Juden zu zeigen: Ihr seid Teil dieses Landes und ihr seid eine Bereicherung für dieses Land.
Wir Menschen sind für die Kriege und Konflikte verantwortlich und nur wir können kriegerische Auseinandersetzungen von Despoten verhindern und Konflikte wieder schlichten.

Wir können Frieden und Freiheit nur bewahren, wenn wir aktiv für einen Frieden in Freiheit eintreten. Das gilt in der großen Perspektive der Weltpolitik genauso wie im kleinen Rahmen unseres täglichen Lebens, auch in der Kommunalpolitik.

In unserer Nationalhymne heißt es nicht um sonst: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand!“

Wir alle sind verantwortlich dafür, dass Einigkeit in Deutschland herrscht.
Dass das Recht die Freiheit, unsere individuelle Freiheit garantiert.

Wir Alle sind die Garanten einer aktiven und wehrhaften Demokratie!

Wir Alle sind mit unserer Zivilcourage aktive Kriegsverhinderer!

Das soll und muss auch so bleiben.

In unser aller Namen spreche ich nun das Totengedenken: Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind.
Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus, Antisemitismus und Rassismus in unserem Land.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

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