Jugendgästehaus Westkap vor ungewisser Zukunft

Schulklassenfahrten werden wohl länger nicht möglich sein

Landschulheim Westend Foto: Dirk Hönsch

Wir sprachen mit Dirk Hönsch dem Betriebsinhaber der gemeinnützigen GmbH und des Jugendgästehauses Westkap Wangerooge über die jetzige Situation und die Aussichten der nächsten Monate.
Dirk Hönsch dürfte einigen in Carolinensiel bekannt sein, da er vor fast genau einem Jahr das Plattbodenschiff „Anne Berta“ von der Clinsieler Legende „Gurken Herbert“ übernommen hat.

Anita und Dirk Hönsch betreiben das Wangerooger Jugendgästehaus und ein weiteres im Süden von Leipzig. Hier erreichten wir Dirk Hönsch, der hier jetzt in der „Corona-Zeit“ festsitzt und sich nicht um das Gästehaus auf Wangerooge vor Ort kümmern kann.
Eine Kollegin von Dirk Hönsch kümmert sich zur Zeit auf der Insel um das Gästehaus.  Alle anderen Mitarbeiter sind zur Zeit arbeitslos und blicken in eine ungewisse Zukunft.
Dirk Hönsch berichtet: „Schulklassenfahrten und Familienurlaube sind wahrscheinlich für längere Zeit nicht möglich, da die Inseln nur über sehr eingeschränkten medizinischen Möglichkeiten verfügen.
Aus medizinischer Sicht sind diese zur Zeit einschränkenden Maßnahmen absolut sinnvoll. Man muss sich aber klar vor Augen halten, dass die Inseln ausschließlich vom Fremdenverkehr leben und damit im Moment jegliche Einnahmen für alle dort ansässigen Betriebe und Einwohner wegfallen. Eine verpasste Feriensaison oder Schulklassenfahrt kann man eben, ähnlich wie eine Ernte in der Landwirtschaft, nicht zu einem späteren Zeitpunkt einfach nachholen. Der Einnahmenverlust wird bleiben, viele Kosten trotzdem weiter entstehen und damit wohl auch viele Betriebe und Arbeitsplätze verloren gehen. Wir hoffen sehr, dass sich die lokale und Landespolitik dessen bewusst ist und an Konzepten für die Zeit danach arbeitet.

 

Insbesondere bei den Schullandheimen, Jugendgästehäusern und Jugendherbergen könnte es dramatisch werden, da hier ähnlich wie im Gesundheitswesen seit Jahren hart gespart wurde und sich die Kommunen weiter aus den Trägerschaften zurück gezogen haben. Hier sind nicht einfach nur Ferienplätze betroffen, sondern ein großer Teil der außerschulischen Bildungsstätten in denen den Kindern in erster Linie soziale Kompetenzen vermittelt werden. Bei Schulklassenfahrten muss sich der Nachwuchs in vielen Fällen zum ersten Mal im Leben selbst organisieren, im Team handeln, Ordnung halten, Grenzen und Respekt akzeptieren, ein Bett selbst beziehen, werden eigene Ansprüche mit unbekannten Realitäten konfrontiert …  .
Wer in der aktuellen Situation seine eigenen Kinder zu Hause hat, wird sich nun sicher besser vorstellen können, was es bedeutet jeden Montag drei oder vier Schulklassen mit unbekannten Kindern ins Haus zu bekommen und diesen in nur fünf Tagen Grundsätzliches fürs Leben beizubringen.

Auch im Fall des Jugendgästehauses Westkap Wangerooge hatte sich der öffentliche Eigentümer, der hessische Vogelsbergkreis,  im Jahr 2000 aus der Bewirtschaftung zurück gezogen und die Einrichtung an ein Berliner Sozialwerk verpachtet. Wegen der ausbleibenden Förderung wurde dieser soziale Träger 2011 insolvent und seither versuchen wir, das Haus ohne jede öffentliche Unterstützung für Klassenfahrten und Familienfreizeiten offen zu halten. Das bedeutet neben der stressigen Versorgung, Beherbergung und Betreuung der Kinder auch noch alle Instandhaltungsarbeiten und Investitionen selbst zu stemmen und zu bezahlen. Wie viel Reserven dann für eine solche momentane Situation noch vorhanden sein können, muss man sicher nicht mehr erklären.“

Selbst wenn im Sommer der Fremdenverkehr wieder starten kann, wird es noch eine lange, weitere Zeit dauern bis sich wieder Schulen durchringen können Schulklassenfahrten durchzuführen.

„Wir sind trotzdem optimistisch, genießen die Ruhe und arbeiten an (privaten) Projekten, für die bisher nie Zeit war. Dazu gehört auch die Anne Berta, deren Seitenschwerter nun ganz in Ruhe in der Scheune in Sachsen geschliffen, gespachtelt und lackiert werden können.

Schlüsselübergabe und Abschiedsgeschenk für Herbert Marx (l) von neuen Besitzer Dirk Hönsch (r)
Foto: G. Ziemann

Dem Stahlschiff macht der trockene Liegeplatz in Harlesiel nichts aus und die nötigen Anstriche sind bei wärmerem Wetter auch leichter aufzubringen … wenn man dann irgendwann wieder ohne Einschränkungen ans Schiff kommt und dort irgendwo übernachten kann. Wir werden sehen, was wann wieder möglich sein wird. Genauso werden wir sehen, wann und wie die Schiffe ins Wasser kommen und wohin sie dann gefahren werden können oder welche Veranstaltungen es in diesem Jahr in Carolinensiel geben kann. Es sollte auf jeden Fall mit der gebotenen Vorsicht, gesundem Augenmaß und ohne Hysterie von den Verantwortlichen entschieden und von Allen achtsam und solidarisch umgesetzt werden. Für manche Holzschiffe besteht im Unterschied zur Anne Berta die Gefahr des Austrocknens und der Rissbildung. Es ist den Eigentümern zu wünschen, dass sie sich in der Nähe aufhalten und ggf. reagieren können.“, berichtet  Dirk Hönsch.

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